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Im persönlichen Gespräch: Dr. Marc Prokop

„Bürgermeister ist ein sehr cooler Job“

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Seit dem 1. November 2025 ist Dr. Marc Prokop Bürgermeister der Stadt Brühl und Nachfolger von Dieter Freytag. Die ersten 100 Tage im Amt – und ein paar mehr – liegen inzwischen hinter ihm. Zeit, um privat und beruflich eine erste Zwischenbilanz zu ziehen.
Einen fitten und motivierten Eindruck macht Marc Prokop, als wir ihn im Februar treffen. Über 20 kg hat er in den letzten Monaten abgenommen. Sein Terminkalender ist prall gefüllt, sein beruflicher Alltag straff durchorganisiert. „Es ist eine zeitlich sehr aufwendige Tätigkeit“, sagt der 57 Jahre alte verheiratete Familienvater dreier erwachsener Kinder. „Mein Tag im Rathaus beginnt immer zwischen 6 und 7 Uhr und endet abends zwischen 19 und 20 Uhr und manchmal auch später. Vom zeitlichen Aufwand ist es ganz anders als vorher.“

Die Umstellung sei ihm „überhaupt nicht schwer gefallen“. In der Stadt wird er jetzt oft angesprochen, was ihm „besonders Freude“ bereitet. „Ich finde es großartig, dass ich so viele neue Menschen kennen lerne, die zu 99,9 Prozent wirklich nett, freundlich und zugewandt sind.“
Marc Prokop musste sein Leben komplett umstellen. Nicht nur die Arbeitszeiten haben sich geändert, auch die Wochenenden sind wegen der vielen repräsentativen Termine nicht mehr frei. „Ich finde die Aufgabe ausgesprochen vielfältig. Man hält nicht mehr irgendeine Vorlesung oder hat ein Projekt, sondern man hat mit Jugend/Soziales zu tun, mit Kunst und Kultur, Tourismus, mit Tiefbau, Hochbau, Personalentwicklung. Das ist sehr spannend. Bürgermeister zu sein, ist ein sehr abwechslungsreicher, ein sehr cooler Job.“

Seine Frau, mit der er seit 38 Jahren zusammen ist, bekommt ihn jetzt seltener zu sehen. „Ich glaube, sie findet es nicht so schlimm, dass sie abends jetzt mal in Ruhe ein Buch lesen kann“, lacht er. „Denn ich schaue ja ganz gerne fern, am liebsten Serien wie „Vikings“. Da habe ich sie dann manchmal etwas gestört. Das tue ich jetzt nicht mehr. Dafür nutzen wir die Zeit, die wir haben, sehr intensiv.“

Aus der aktuellen Tagespolitik und den laufenden Koalitionsgesprächen zwischen CDU und SPD hält sich CDU-Mann Marc Prokop vollständig raus. Überhaupt scheint er manchmal wohltuend über den üblichen Gepflogenheiten in der Politik zu stehen. Der ehemalige Wirtschaftsprofessor und Politik-Seiteneinsteiger redet „wie ihm der Schnabel“ gewachsen ist, er gibt auch manchmal gegen den Rat anderer Parteifunktionäre klare Antworten auf die Fragen und verbiegt sich nicht. Mit Feuereifer hat er sich in seine neue Aufgabe gestürzt.
In seinen ersten 100 Tagen hat er bereits erste Akzente gesetzt und mehr Eigenverantwortung der Beschäftigten der Stadtverwaltung gefördert. „Mit dem Begriff Chefsache tue ich mich schwer. Denn das ist etwas, was ich im Rathaus umstellen möchte. Es gab vorher ein Mikromanagement, was daran lag, dass mein Vorgänger Dieter Freytag ein absoluter Verwaltungsprofi war und alle Vorgänge selber noch einmal abgenickt hat“, sagt Marc Prokop.

„Ich möchte lieber in die Richtung gehen, dass alle Aufgaben auch dort erledigt und entschieden werden, wo sie angesiedelt sind. Das ist ein klassisch subsidiäres Vorgehen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen selber entscheiden, was sie entscheiden können.“ Davon verspricht sich der Bürgermeister eine Prozessoptimierung sowie eine Effizienz- und Temposteigerung.

„Die Haushaltslage ist wirklich dramatisch“
Außerdem hat sich Marc Prokop in den ersten 100 Tagen im Amt einen Überblick über die finanzielle Situation der Stadt Brühl verschafft. Sein Fazit: „Die Haushaltslage ist wirklich dramatisch. Das Defizit ist sehr, sehr hoch. Wir sind mit einem Bein im Haushaltssicherungskonzept. Wir versuchen, das noch irgendwie zu umschiffen. Das Einsparpotenzial ist aufgrund der vielen Pflichtaufgaben aber relativ eingeschränkt.“ Auch beim Personal könne kaum gespart werden.

In dieser Situation ist es dann besonders ärgerlich, dass der bauliche Pfusch am Rathaus Steinweg passiert ist, dessen Gerüst alleine 6.000 Euro im Monat kostet. „Aktueller Stand ist, dass es noch ein Gutachten geben wird, wer verantwortlich für die Schäden ist. Wenn das Gutachten vorliegt, müssen wir gucken, ob man jemanden für die Schäden verantwortlich machen kann oder nicht.“ Bei der Feuerwache scheint der Kostenrahmen eingehalten zu werden. „Vielleicht bleiben wir auch ein bisschen drunter“, hofft Prokop.
Das Dauerthema Phantasialand-Erweiterung will der Bürgermeister erst dann durch die Einleitung eines Bauleitverfahrens angehen, wenn ein Ratsbeschluss dazu vorliegt. Denn alle Beteiligten – nicht nur das Phantsialand, sondern auch die Anwohnerinnen und Anwohner – brauchen Planungssicherheit, so Prokop.

Die wichtigste Aufgabe für die kommenden Wochen sei die Aufstellung des Haushalts, der ja ein Doppelhaushalt für 2026 und 2027 werden wird. „Die Politik muss entscheiden, was sie will. Ich kann nur dazu aufrufen, das mit Maß anzugehen, um uns nicht jeglichen Spielraum auch in der Zukunft zu nehmen. Wir müssen einen soliden Haushalt hinbekommen, der nicht zu weiteren Steuererhöhungen führt“, ruft der Bürgermeister zu Besonnenheit auf.

Ganz oben auf seiner persönlichen Prioritäten-Agenda für 2026 steht auch die Ansiedlung neuer Unternehmen, da die Gewerbesteuereinnahmen neben der Grundsteuer die wichtigsten Einnahmequellen der Stadt sind. Erste Erfolge zeichnen sich ab. „Es gab schon Besprechungsrunden mit Brühler Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Leuten aus der Startupbranche“, meint Marc Prokop. „Es kommen auch die Gatewaybetreiber der TH und der Universität zu Köln zu uns ins Büro. Dann überlegen wir eine gemeinsame Strategie. Ein Projekt ist schon sehr weit fortgeschritten.“

Was geschehen muss, damit er am Ende des Jahres 2026 ein positives Fazit ziehen kann, fragen wir den Bürgermeister abschließend. „Für mich persönlich wäre es ein gutes Jahr, wenn ich über die Straße gehe und mir die Bürgerinnen und Bürger ein gutes Feedback geben und sagen: Du bist der richtige Mann an der richtigen Stelle. Du hast unsere Unterstützung. Das würde mich persönlich sehr freuen. Dann wäre es für mich ein gutes Jahr.“ Tobias Gonscherowski

Das komplette Interview mit Marc Prokop gibt es ab Mitte März auch als Video auf unserem Youtube-Kanal unter https://www.youtube.com/@BrühlerBilderbogen