1989 fiel die Mauer, ein Jahr später kam es zur deutschen Wiedervereinigung. Seit 36 Jahren ist Deutschland vereint, doch so richtig scheint die Einheit noch nicht hergestellt zu sein. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind nach wie vor in jeder Hinsicht gravierend. Es braucht wohl noch sehr viel mehr Zeit. Dabei ist das Land nun schon fast genauso lange vereint, wie es getrennt war.
Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind besorgniserregend. In beiden Bundesländern hat die AfD die Wahl gewonnen, einmal mit einem riesigen Vorsprung, einmal relativ knapp. Kann man vor diesem Hintergund noch unbeschwert den Tag der deutschen Einheit feiern?

Monika Nicolaij:
Ja, der Tag der deutschen Einheit ist ein Grund zum Feiern, auch wenn es Probleme gibt zwischen Ost und West, die nicht zuletzt von den Westdeutschen mitverursacht wurden. Aber trotzdem bin ich froh, dass die Wiedervereinigung stattgefunden hat. Es braucht Generationen, bis ein Wir-Gefühl auf beiden Seiten da ist.

Sonja Tillmann:
Auf jeden Fall, die Erinnerung ist noch sehr präsent. Das war ein bewegender Tag, ich denke immer noch sehr positiv daran zurück. Es gibt aber noch eine Menge zu tun. Ich würde es sehr, sehr begrüßen, wenn wir noch mehr zusammenwachsen würden.

Friedhelm Heuser:
Nein. Der Tag war für mich mein ganzes Leben lang – wie auch schon der 17. Juni zuvor – ein ganz normaler Arbeitstag. Ein Gemüsebauer kennt solche Feiertage nicht. Die Wahlergebnisse im Osten finde ich erschreckend. Es wirft die Einheit zurück.

Katja Brennan:
Ich freue mich über die deutsche Wiedervereinigung, denn dadurch wurde ein totalitäres Unrechtsregime in Deutschland beendet. Daran sollten wir uns heute vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in Deutschland ganz besonders erinnern.

André Kuhn:
Ich finde es richtig, die deutsche Einheit zu feiern. Sie steht für Zusammenstehen und Solidarität mit den Menschen im ganzen Land. Natürlich ist damit auch ein Staat zuendegegangen, der Menschen unterdrückt hat. Die Wahlergebnisse zeigen, dass es noch Menschen gibt, die sich abgehängt fühlen. Daran muss sich politisch etwas ändern.

Paul Meixner:
Für mich ja. Sie ist der Grund, warum ich hier bin, meine Frau an der Uni kennengelernt habe und mein ganzes Leben hier verbringen und nicht zurückgehen möchte. Ich stamme aus Hoyerswerda. Obwohl ich den braunen Jungs keinen Grund geliefert habe, mich anzufeinden, wurde ich wegen meiner damaligen Frisur angefeindet.

Thomas Janser:
Die Vereinigung von BRD und DDR waren auf jeden Fall ein großer Anlass zum Feiern. Sie ging zeitgleich einher mit dem Ende des kalten Krieges. Der Zeitgeist war sehr positiv gestimmt. Mit der EU und der NATO-Osterweiterung auf der einen Seite und dem Wiedererstarken des russischen Imperialismus auf der anderen Seite stehen wir wieder in einem großen Konflikt. Das ist nicht feierlich. Finanzkrise, Migrationskrise, Corona-Pandemie haben die Gesellschaft in ganz Deutschland gespalten. Wie wir bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt gesehen haben, bestehen weiterhin große Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Das zeigt sich auch in den wirtschaftlichen Kennzahlen der ostdeutschen Länder. Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Ich wünsche mir, dass die Vereinigung positiv voranschreitet.

Raphael Sanders:
Ja. Ich feiere, dass die Welt mit der Ermöglichung der deutschen Einheit ein großes Vertrauen in uns gesetzt hat. Als Tag der Wiedervereinigung in einem pluralistisch-demokratischen Land feiere ich den Tag, verbunden mit der Hoffnung, dass Deutschland in Europa als Friedensanker dient. Das würde ich gerne am Tag der deutschen Einheit feiern und zwar, dass es nicht um die Einheit einer Nation, sondern einer Gesellschaft geht.
Eine Umfrage von Tobias Gonscherowski (Text) und Bernhard Münch (Fotos)
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